»er ist wieder da« von timur vermes. sehr lustig! (und nachdenklich stimmend)

image

es braucht ein jahr bis ich das aufschreibe, notiert hatte ich diese rezension bereits am 26.12.2012. aber ich möchte das mitteilen.

ich bekam das buch voriges jahr zu weihnachten geschenkt und las es in zwei tagen. es war köstlich. ich habe phasenweise so lachen müssen, dass mir die tränen kamen. timur vermes versteht es, hitlers schreib-/sprachduktus anzudeuten (wie wir uns hitler vorstellen könnten) und nutzt dabei die »kunstfigur«, um uns unsere, für den führer »schwachsinnig« erscheinende welt vorzuführen. erschreckenderweise ist einiges wahres dran, an der kritik des führers.

so schafft es vermes ganz langsam eine art sympathie für den hauptdarsteller seines romans entstehen zu lassen, dabei alle greueltaten auszublenden. sobald man sich dieser »sympathie« bewusst wird schaudert es einem.

vermes zeigt uns gleichzeitig damit, dass der zustand der heutigen gesellschaft wieder idealen nährboden für solche demagogen darstellt; blödheiten im fernsehen (»[…] aus dem mund des sprechers aspekte des weltgeschehens verbreitet wurden; es war, als bezöge man seine informationen aus dem herzen einer irrenanstalt. […]«), politiker ohne persönlichkeit, ohne charisma, ohne integrität, charakterlos (»[…] da sieht das volk tag um tag deutlicher, welche laiendarsteller hier an verantwortlichster position vor sich hin dilettieren dürfen. was mich wirklich nur verblüfft, ist, dass nicht schon längst millionen mit fackeln und heugabeln vor diese parlamentarischen schwatzbuden ziehen, den aufschrei im munde: »was macht ihr mit unserem geld???« […]«).
es scheint, als wäre es nur eine frage der zeit. hoffen wir auf kollektives bewusstwerden.

das buch jedenfalls ist wärmstens zu empfehlen, eine amüsante unterhaltung auf jeden fall, und eine anregung, um über den zustand und die entwicklung unserer gesellschaft nachzudenken. wahrscheinlich reicht es, wenn wir uns nur gewahr werden, dass wir als gesellschaft langsam wieder bereit wären, jemanden auf den leim zu gehen, weil der aktuelle zustand dem einzelnen keine perspektive gibt, die sich aber die menschen wünschen. heute sagen wir leadership dazu.

»vom systemtrottel zum wutbürger« ist der quell einer neuordnung: UNBEDINGT LESEN und weiterempfehlen!

image 

wieso? vor mehr als 20 jahren entdeckte ich henry david thoreaus werk, zuerst »über die pflicht zum ungehorsam gegenüber dem staat« und dann »walden«. diese bücher beeinflussten mein damaliges studenten-ich nachhaltig und machten mich unbequem (gegenüber anderen und auch gegenüber mir selbst). 

die jahre des selbständig arbeitens (innerhalb unseres systems) verschleierten diese eindrücke des guten lebens, wie es uns thoreau beschrieb (insbesondere in »walden«) bis zu einem besonderen abend ende 2011:

schulak und taghizadegan stellten damals ihr neues buch »vom systemtrottel zum wutbürger« in der wiener buchhandlung morawa vor. überzeugten durch ihre ehrliche präsentation, ihre beschreibung der kämpfe, die sie selbst erlebten, bei den versuchen sich vom hamsterrad zu lösen. sie meinten, sie hätten es vielleicht geschafft, aber sicher nicht vollständig, sie hängen noch immer mit dem kleinen finger und dem kleinen zeh im hamsterrad. 

das buch »vom systemtrottel zum wutbürger« ist zum einen anleitung, wie man ein guter systemtrottel wird (also jemand, der brav im system mit der masse mittrottet) und zeigt zum anderen, nachdem man nun erkennen kann, welch ein guter systemtrottel man bereits ist, mit welchen überlegungen und verhaltensänderungen man sich aus diesen verstrickungen mit dem system wieder lösen könnte. freilich muß jeder seinen eigenen weg heraus finden. das buch aber ist hervorragend geeignet einem erst einmal die möglichkeit zu geben diese verstrickungen zu erkennen. wir meinen, wir seien frei und herr unseres lebens in dieser region unserer welt. ha!, wie lächerlich diese meinung erscheint, nachdem man den ersten teil gelesen hat.

beim lesen des buches wird einem mit erschaudern klar, dass dem bei weitem nicht so ist. im folgenden wird diese aufkeimende vermutung durch die tägliche politikberichterstattung – die man nach dem lesen des buches mit anderen augen sieht – doppelt und dreifach unterstrichen bestätigt.

der erste abschnitt, die anleitung zum guten systemtrottel ist eine herausforderung an den leser. schnell erkennt man, selbst wenn man sich als kritischen geist, als fast ein wenig revolutionär einschätzt, dass man bereits mindestens zu 80, vielleicht sogar zu 90% guter systemtrottel ist. wenn man diesen teil des buches tapfer erträgt und durchhält, auf dass man zur gänze erkennt, dann folgt die erlösung im abschnitt über den garten, die grobe skizze eines plans, wie es besser gehen könnte. das regt zum tiefen nachdenken an. plötzlich wird vieles klar und einiges unwichtiger während anderes drastisch an bedeutung gewinnt.

und auf einmal sind sie wieder da, thoreaus gedanken, die mich einige zeit vor und am beginn der selbständigkeit begleiteten: »die beste regierung ist jene, welche am wenigsten regiert.« »muss der bürger auch nur einen augenblick, auch nur ein wenig, sein gewissen dem gesetzgeber überlassen? wozu hat denn dann jeder mensch ein gewissen?« [eine gute zusammenfassung]

ich stolpere über bemerkungen wie zb jene von christian thomasus: »je weniger geschriebene gesetze es gibt, und je allgemeiner und einfacher sie sind, desto besser sind sie. je mehr gesetze, desto mehr streit …«
und die »wiener schule« gewinnt an bedeutung in meinem denken.
das buch hat verschüttete werte wieder freigelegt und zugängig gemacht, ergänzt und erklärt. es motiviert und macht zuversichtlich.

deshalb ist »vom systemtrottel zum wutbürger« der quell einer neuordnung.
deshalb prädikat: UNBEDINGT LESEN und weiterempfehlen!