mariahilferpropaganda

zum jahresausklang noch schnell ein paar texte, die übriggeblieben sind (zb von anfang mai:

propaganda hat ja einen negativen beigeschmack, vielleicht zu recht, aber tatsächlich meint es bloß: die »systematische Verbreitung politischer, philosophischer und anderer Lehren, Ideen, Meinungen mit dem Ziel, das öffentliche Bewusstsein dahingehend zu beeinflussen« oder »die Verschleierung der wahren Ziele dienende politisch-ideologische Beeinflussung« (aus dem digitalen wörterbuch deutscher sprache). so gesehen passt dieses wort perfekt auf das, was wir hier erleben.

im newsletter 2/2013 der (»grünen«) stadt wien las ich folgenden bemerkenswerten absatz:

»[…] Man muss nicht weit gehen, um zu sehen, dass die Kombination von FußgängerInnen und Busverkehr funktioniert: seit Jahren fährt der 13A in der Neubaugasse zwischen der Lindengasse und der Mariahilfer Straße in einem Straßenraum, der ansonsten Zufußgehenden und Radfahrenden vorbehalten ist. […]«

HAHAHA, da geht ja niemand auf der straße. zum einen, weil es die straße ist, zum anderen, weil es viel zu gefährlich wäre, weil der bus keineswegs in schritttempo hinuntersaust. wieso schreibt man einen so offensichtlichen blödsinn? dieser bereich der neubaugasse ist eine straße mit eingeschränktem verkehr und keine fußgängerzone, keine wohnstraße, keine … – jedenfalls ist es mir nicht bekannt, dass es dort erlaubt wäre, mir nichts dir nichts auf der straße herumzutorkeln. auch die radfahrer haben für die fahrt gegen die einbahn einen eigenen streifen. definitiv kein »shared space«.  und das wissen die für den text verantwortlichen. man will uns also etwas vorgaukeln.

belegt wird das von einem textteil weiter unten »[…] In Wien gibt es bereits für RadfahrerInnen geöffnete FußgängerInnenzonen (z.B. innere Favoritenstraße, Tuchlauben) – weitgehend ohne große Konflikte. […]«.

zum einen fällt hier dieser genderwahn schon äußerst ungünstig auf (wie lächerlich kann man sich eigentlich machen?), zum anderen wundere ich mich über diese formulierungen: weitgehend deutet darauf hin, dass es doch vorkommt, und ohne große heißt wohl, dass es kleine konflikte gibt. zum dritten wundert einem natürlich, dass es überhaupt notwendig erscheint auf dieses faktum hinzuweisen. man weiß also sehr wohl, dass es gelegentlich große konflikte gibt. und häufig kleine. freilich verabsäumt man zu erläutern, was klein und groß hier meint. ein großer konflikt ist ein verkehrstoter bei einem radzusammenstoß? und die von einer radfahrerin geschreckte pensionistin ist ein kleiner konflikt?

mariahilferstraße neu in action.

tag 2 des experiments.

beide tage habe ich die mariahilferstraße besucht, zwangsläufig.
die straße ist ruiniert, wirkt chaotisch und unordentlich. die wenigen menschen, die aufgrund des freitag-fenstertags da waren, benutzten alle den gehsteig. die straße wirkt aufgrund der vielen verwirrenden linien nicht sehr einladend. aber wozu soll man auf der straße gehen, wenn man in die schaufenster sehen will, dinge besorgen muss.
der bus quält sich durch das teilstück der einkaufsstraße, das allein eine echte fussgängerzone ist, der kleine rest der fahrbahn, der für fußgänger und fahrräder gedacht ist, ist so schmal, dass man ihn mit einem radweg verwechselt (ecke kirchengasse). und an beiden enden der fußgängerzone eine ampel für fußgänger. das heißt, einen meter links und ich habe als fußgänger rot und darf die straße nicht überqueren, einen meter rechts und ich befinde mich auf der fußgängerzone und darf also queren.
schilder erklären das verbot und seine ausnahmen. das lesen von james joyce ist einfacher und kürzer 😉 – in relation zu üblichen verkehrsschildern.
die lebensqualität müssen sie uns noch erklären, die sie erhöht haben durch diese maßnahmen. aus dem gerngroß tönt satte pop-musik, vermutlich um die drückende stille der mariahilferstraße erträglicher zu machen.
aber die mehrheit hat sich diese regierung, diese art der bevormundung »demokratisch« gewünscht. die mehrheit der anrainer wünscht offenbar, dass wien wieder etwas mehr von seinem charme ende des 19 jahrhunderts zurück bekommt. damals, man sieht es auf den manipulativen bildern, die die ganz alte mariahilferstraße zeigen, waren kaum autos unterwegs. man sieht auf diesen bildern passante und lieferanten mit handwagen, pferdefuhrwerke und dann und wann ein lastwagen oder ein automobil, die sich die breite mariahilferstraße teilten – shared space ist eine erfindung aus 18xx. damals ging es den leuten auch noch gut, oder? die einen schufteten in den ziegelwerken am wienerberg, die anderen genossen die lebensqualität in neubau. die hinterhöfe zeigt man auf diesen bildern nicht.
die mehrheit hat sich diese regierung gewünscht. was also könnte der plan dieser bezirkspolitiker sein? die denken vielleicht viel weiter als wir: 20, 50, 100 jahre? heute schon fehlen die kleinen geschäfte auf dieser inneren mariahilferstraße. sie konnten sich die bisherigen mieten nicht mehr leisten. das wird sich vielleicht ändern, weil die strasse wirkte die beiden tage unerträglich für mich. also fuhren wir (mit dem auto) zum beginn der äußeren mariahilferstraße, parkten und promenierten stadtauswärts. tatsächlich, meine lebensqualität ist gestiegen. ich war schon lange nicht mehr auf der äußeren mariahilferstraße. urbanes leben, ein paar autos fahren, die straßenbahnen, am gehsteig begegnen sich die menschen, ein paar sitzen in kleinen schanigärten, nur ein paar tische, nicht diese massengastgärten, die wir vom graben, kärntner strasse und auch der inneren mahü kennen. das beste aber waren die vielen kleinen geschäfte, die es dort gibt. kleine gaststätten unterschiedlicher internationaler küchen laden ein neues auszuprobieren, eine kleinteilige geschäftsstruktur lädt zum einkaufen ein. ich fand es prima. beim heimweg gönnten wir uns eine hühnerschnitzelsemmel; das lokal blitzsauber, die semmel üppig gefüllt und der preis überraschend moderat. so etwas gibt es in neubau nicht, da hätten wir locker das doppelte dafür bezahlt.
in der tat, die neue innere mariahilferstraße steigert die lebensqualität. so lernt man anderes kennen, gar nicht so weit weg: die äußere mariahilferstraße.
vielleicht glauben wir nur, die politiker hätten keinen plan. dabei ist dieses von (nur scheinbaren) dilettanten verursachte chaos und diese mutwillige verkehrsbehinderung eine raffinierte und subtile methode die menschen in andere regionen der stadt umzulenken. danke, herr und frau bezirksvorsteher und frau verkehrsvizebürgermeister.

fußgängerzone im 7ten?

heute abend ging ich über die mariahilferstraße spazieren. enorm breite gehsteige, menschen eilen nach hause, autos zuckeln stadteinwärts. städtisches getriebe. es war nicht mehr allzuviel los und die gehsteigen waren luftig gefüllt. ich stellte mir vor, wie das wohl aussehen würde, wenn es eine fußgängerzone wäre – öde. der sprung wird wohl ähnlich drastisch sein, wie seinerzeit die oberirdische fußgängerfreundliche straßenbahn durch die unterirdische durch die stadt hetzende u-bahn ersetzt wurde. abgesehen davon, dass die beiden ausgänge einer station früher der abstand zweier straßenbahnstationen war (dh die versorgung hat abgenommen) kann ich nun nicht einmal aus dem straßenbahnfenster sehend inspiriert werden ein geschäft zu besuchen – ich sehe die geschäfte aus der u-bahn nicht mehr.
ich stelle mir also vor, die mariahilferstraße ist eine fußgängerzone und denke an die ödnis dieser riesenbetonfläche auf der sich die wenigen menschen, die heute um 18:00 noch unterwegs waren verlieren. wie das am wochenende aussieht? ist ja jetzt schon wüst.
es gibt da eine politische idee, die lautet: das leben in der stadt muß wieder lebenswerter werden.
man meint, wenn die innere mariahilferstraße eine fußgängerzone wäre, wäre sie lebenswerter.
der siebente bezirk ist ein beliebter bezirk. man findet nur schwer ein wohnung, insbesondere eine, die man sich leisten kann. also 12 €/qm wäre schon ein guter wert. wenn ein bezirk gerne besiedelt wird, weil die nachfrage nach wohnungen größer ist als das angebot und damit die mieten steigen, könnte man daraus schließen, dass es menschen gibt, die das lebenswert empfinden.
es gibt andere bezirke mit niedrigeren mieten. da wollen die menschen lieber nicht wohnen. das bleibt dann für die weniger begüterten und für die helfer aus dem ausland über.
wo sollte man nun investieren? in einem bezirk mit hohen mieten (weil von vielen lebenswerter eingeschätzt) oder in einen bezirk mit niedrigen mieten (weil eher gemieden)?
verbessert man die lebensqualität in einem bezirk, der bei den mietern schon den ruf des lebenswerten hat, dann macht man diesen bezirk noch beliebter.
was könnte die folge sein? mehr nachfrage.
ich habe kein wirtschaftsstudium absolviert, aber mehr nachfrage treibt die mieten nach oben, oder?
die der wohnungen, ist ja nun lebenswerter, mit den cafes und den bäumen und so, und natürlich die der geschäftslokale. die können sich die gewerbetreibenden ohnehin kaum mehr leisten. auf einer fußgängerzone ist ein geschäftslokal mehr wert, weil fußgängerzonen die fußgänger anziehen, wie autobahnen die autos, somit steigt die frequenz und damit der wert des geschäftslokals, damit also auch die miete.
ergebnis: menschen mit höherem einkommen wohnen in einem lebenswerten bezirk, der durch die fußgängerzone noch lebenswerter wurde. nur noch große retailketten können sich die mieten leisten und verdrängen die kleingewerbestruktur. der ganze bezirk wird teurer.
wenn man die stadt lebenswerter machen will, dann sollte man an jenen stellen arbeiten, die vielen noch nicht lebenswert erscheinen. zb den gürtel (eine spur weniger) oder die thaliastraße oder die äußere mariahilferstraße oder die hernalser hauptstraße oder die obere wiedner hauptstraße oder die reinprechtsdorferstraße oder die währingerstraße oder die ottakringerstraße oder …
diese ehemaligen prachtvollen (im sinne belebt und beliebten) einkaufsstraßen der grätzl haben alle verloren, veröden, weil die menschen in einkaufszentren (ja, das auch) und in fußgängerzonen shoppen.
ausgestorbene einkaufsstraße, dh solche mit vielen leeren geschäften, machen die gegend unattraktiv. das verstärkt sich, weil in die leer stehende geschäfte wettlokale u.ä. einziehen, weil die menschen, die sich nur die mieten in diesen gegenden leisten können, ihr glück auf dumme weise versuchen wollen. das macht die gegenden noch unattraktiver und die mieten sinken weiter.
wenn man will, dass wohnungsmieten unter 7 €/qm liegen, dann muß man das angebot erhöhen. aber wer will schon weit draußen auf der thaliastraße, ottakringerstraße, hernalser hauptstraße wohnen? lieber in mariahilf, in neubau und in der josefstadt.
mir scheint, da wird den bobos die stadt, dh ihr grätzl, verschönert, mit dem vorwand, die stadt müßte lebenswerter werden. dort wo wirklich etwas zu tun ist, in den äußeren bezirken, dort kümmert man sich nicht drum. klar, dort wohnen keine bobos, sondern migranten. man tut zwar so, als ob man diese mag, aber man setzt sich nicht wirklich für sie ein. man wertet ihre wohngegenden nicht auf, sodass auch bobos diese interessant finden. man buttert geld in ein prestigeprojekt, das viele, geschäftsleute und bürger, nicht wollen, um zu zeigen, dass man jetzt an der macht ist. so scheint es.
bitte laßt mir die mariahilferstraße am leben. ein stadt braucht auch autos, adern in denen blut fließt.