Wie man sich das Schreiben angewöhnt

05/04/2020

Am 1.4.2020, habe ich Jeff Goins’ Webinar besucht (dieser Tage hat man ja genug Zeit für solche Aktivitäten, heißt es). Es ging darum, wie man eine Schreibgewohnheit entwickelt. Das war sehr interessant. Die Essenz aus dem Webinar fasse ich hier für mich zusammen – und teile es mit der Welt.

Zunächst gilt es aufzuhören sich auf Ziele zu fokussieren. Stattdessen möge man lieber auf Gewohnheiten fokussieren. Also statt etwas Großes irgendwann zu tun, lieber ein wenig täglich tun. Anders ausgedrückt: ein Buch zu schreiben ist keine gute Idee; ein wenig (etwas) täglich zu schreiben ist viel besser.

Dazu habe ich »zufällig« auch eine Geschichte von Coner Neill erzählt bekommen; jene vom Rennen zum Südpol. Während Robert Scott je nach Wetterlage 50, 20 oder 0 Meilen täglich wanderte, wanderte Roald Amundsen mit seinem Team täglich 20 Meilen, bei jedem Wetter, sie brauchten bloß unterschiedlich lange für den täglichen 20-Meilen-Marsch. Amundsen gewann durch seine Konstanz und war rund einen Monat früher am Südpol.

Die Beständigkeit gewinnt. Beständigkeit erreicht man, wenn die Handlung eine Gewohnheit ist. Wenn das Schreiben genauso selbstverständlich zum Tag gehört, wie Zähneputzen oder Mittagessen. Um eine Gewohnheit zu erreichen, braucht es drei Dinge, so Goins weiter: Routinen, Systeme, Termine.

1. Routine

Zunächst legt man fest, wo man schreibt: wo schreibt es sich am besten, im Büro, im Café, im Bett, …? Dann fixiert man wann man schreibt – wann hat man seinen idealen Zeitpunkt, am Morgen, am Nachmittag, um 4:00, bevor die Kollegen ins Büro kommen? Schließlich legt man fest, wieviel man schreiben kann, was ist das wenigste? Zehn Minuten und 500 Wörter, oder 30 Minuten und 750 Wörter?

Die Routine definiert man mit wo, wann und wieviel man täglich(!) schreiben will. Wir mussten das im Webinar in unseren Terminkalender eintragen – also tragen Sie es am besten auch jetzt gleich in Ihren Terminkalender ein! Bei mir sind es 30 Minuten um 8:30 täglich mit 500 Wörter Minimum. Mehr und länger ist natürlich erlaubt und sogar erwünscht. (Update: seit 3 Tagen gelingt das :-))
Frequenz schlägt Menge – vergleiche die Südpol-Geschichte.

2. System

Um eine Routine erfolgreich umzusetzen, braucht es ergänzend ein System. Dafür hat Goins ein »3 Bucket System« definiert. Drei »Eimer«, einer für Ideen, einer für Drafts, einer für Edits.

Ideen

Viele meinen, man müsste schreiben, wenn man die Idee hat oder man braucht die Idee, wenn man schreibt – also zu jenem Zeitpunkt, den wir oben festlegten. Das ist ein Irrtum. Die wenigsten von uns haben exakt zum festgelegten Zeitpunkt die Idee über die es sich zu schreiben lohnt oder die einem gerade interessiert. Ideen hat man nicht auf Knopfdruck, sie kommen zu uns. Es sind Einfälle, sie fallen ein, sagte mir einmal ein Freund. Diese Einfälle kommen irgendwann, den ganzen Tag über, vorm Aufwachen, beim Duschen, beim Mittagsschlaf, usw. Diese notieren wir auf einen Zettel, in einem Notizbuch, analog oder digital. Das ist der »erste Eimer«, die erste Ablage, die wir »Ideen« nennen.

Drafts

Die zweite Ablage heißt »Drafts«, Entwürfe. Wenn wir uns zur vereinbarten Zeit zum Schreiben hinsetzen, dann holen wir aus der ersten Ablage eine Idee heraus, die uns für den Moment interessant erscheint, und beginnen sie sprachlich zu skizzieren. Einfach drauf los schreiben, etwas schreiben. Dabei feilen wir nicht am Text, wir schreiben frei dahin (»freewriting«), editiert wird später.

Das erinnert an Woody Allens Methode (Trailer). Ist ein Film abgedreht, dann sichtet Allen seine Ideen aus der Nachkästchenschublade. Findet er eine interessante Idee, dann beginnt er mit dem Drehbuchschreiben und ein neuer Film entsteht. Auf diese Weise drehte er fast jährlich einen Film.

Edits

Schließlich die dritte Ablage: »Edits«, Überarbeitungen. In dieser eben fixierten täglichen Schreibezeit, skizziert man eine Idee und editiert eine Schreibskizze der letzten Tage. Man holt also einen Text aus der »Drafts«-Ablage und editiert ihn. Das gelingt ab dem zweiten Tag, da ist ja dann der Text-Entwurf vom Vortag in der zweiten Ablage. Danach werden sich diese Ablagen kontinuierlich füllen. Denn es ist anzunehmen, dass man in der festgelegten Zeit nicht immer fertig wird mit dem Entwerfen eines Textes aus einer Idee und dem Editieren eines Entwurfs, d.h. mit der Zeit ist in allen Ablagen genügend Material, um die festgelegte Schreibzeit immer produktiv auszufüllen. Der große Vorteil: man entwickelt die Projekte, man schreibt die Blogposts und das Buch.

Ready

Ich ergänze mein System um eine vierte Ablage (virtuell freilich), eine in der fertig editierte Artikel darauf warten publiziert zu werden. Diese vierte Ablage kann freilich auch der Drafts-Status in WordPress sein. Das überlege ich noch.

Übrigens, diese Ablagen könnten in Programmen wie Evernote, Scrivener, oder in »Notizen« auf MacOS eingerichtet werden (es sind Ordner). Goins verwendet eine App namens »Bear«, ich probiere es derzeit mit »Drafts« (mir scheint, diese Software ähnelt Bear). Oder man nutzt »iA Writer« und dann noch ein Tipp vom befreundeten Mönch »Notebooks«, eine Salzburger Entwicklung.

Der Effekt: Mit der Zeit entwickelt man eine Neigung zum Handeln. Lieber loslegen als lange überlegen. Eine Idee herausfischen, einen ersten Entwurf (»a quick dirty draft«) schreiben, einen alten Draft editieren und schleifen. Action!

3. Termine

Goins erinnert uns, was Steve Jobs (angeblich) immer sagte: »real artists ship.« Es geht ums Ausliefern. Damit das gelingt braucht es wieder drei Sorten von Terminen (Deadlines): tägliche, wöchentliche, monatliche.

Das tägliche Ziel haben wir uns oben schon gegeben: z.B. 500 Wörter Text, nichts perfektes, sondern etwas; handeln! d.h. schreiben!

Das wöchentliche Ziel setzen wir uns, damit wir etwas fertig bekommen, nicht das Opus Magnus, sondern etwas, einen Blogpost, ein Kapitel, vielleicht einen Abschnitt des Buchs.

Monatliche Ziele definieren die wichtige Arbeit, nicht die dringende. Das ist der Abgabetermin für die Bücher, für große Beiträge, etc.

Dieses 3-Ablagen-System kann man freilich für alle möglichen Arbeiten verwenden, die man mit der Ausbildung einer neuen Gewohnheit erledigen will: Blog befüllen, Buch schreiben, mehr zeichnen, mehr kalligraphieren, einen Stapel Akten ab-/verarbeiten, Angebote verfassen, etc.

Das Buch schreiben

Hat man diese Gewohnheit entwickelt, geht die Arbeit zügig voran.
Täglich schreiben – wöchentlich organisieren – monatliche Meilensteine erreichen – das Buch vollenden.

Was sagen Sie dazu?

One comment on “Wie man sich das Schreiben angewöhnt”

Rudolf T. A. Greger

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