»Großartige Designer produzieren angenehme Erfahrungen.« schreibt Donald Norman in seinem Standardwerk »Die Dinge des Alltags«. Darin erklärt er uns die wesentlichen Prinzipien, die es einzuhalten gilt, um das zu erreichen und in den 30 Jahren meiner Berufspraxis sind das auch jene Prinzipien, die wir umzusetzen anstrebten. Nicht immer gelang das, manchmal verhinderten es die technischen Möglichkeiten (für den gewünschten Preispunkt), manchmal auch die Eitelkeit von uns Designern. Schließlich, so argumentierten wir dann, geht es nicht nur um Benutzbarkeit, sondern auch um Ästhetik.

Das war ja auch ein Thema, das am Ende eines Design-Thinking-Abendgesprächs im November 2019 aufkam. 

Welchen Stellenwert hat die Ästhetik? Sie ist zweifellos ebenso fixer Bestandteil des Design-Thinkings, wie das Arbeiten mit den Händen, das Modellbauen, das Ausprobieren und Prototypisieren, das Befragen der Nutzer. Das »doing« ist Teil des »thinking«, ich habe das schon einmal ausgeführt.

Der Stellenwert der Ästhetik ist besonders wert diskutiert zu werden, weil sich da vielleicht der Unterschied zwischen Design-Thinking als Methode und als Denkweise zeigen könnte; die Trennlinie könnte sichtbar werden und genau dort verlaufen.

Bei einer Besprechung im österreichischen Normungsinstitut über Design-Thinking, zu der ich als Wiener Experte eingeladen war, erkannte eine Teilnehmerin eine Ähnlichkeit zwischen der Arbeit der Techniker und der Hauptstromidee über Design-Thinking. Techniker würden ähnlich wie »Design-Thinker« arbeiten, nur fehle bei ihnen der Mensch.

Ja, das ist eine Aussage, die einem so, aus dem Zusammenhang gerissen, auch übel aufstossen könnte, doch für den Moment will ich das (ganz design-thinking) so schwammig stehen lassen.

Abschweifung: im Design-Thinking verwenden wir gelegentlich auch de Bonos Konzept vom aufgeschobenen Urteil. Wir nutzen es als Trittbrett, um zu neuen Lösungen zu kommen, auch wenn es für den Moment unmöglich oder unpassend erscheint.

Analog zum »doing« – könnte man nun sagen – ist bei »echtem Design-Thinking« die Ästhetik ebenfalls inkludiert ist. Produkte sollen praktisch, nützlich und schön sein. (Produkte, du weißt es, sind Gegenstände, Prozesse und Dienstleistungen.)

Ästhetik ist Ausgangspunkt der Design-Gemeinschaft. 

Schon bei Raymond Loewy ging es um ansprechende Ästhetik, um das Äussere, um die Erscheinung. Die Dinge sollten elegant sein. Noch heute diskutieren wir heftig, wenn ich meine These vom »funktioniert gut und ist nicht-häßlich« vortrage (den ersten Gedanken folgte ein zweiter). 

Wenn Loewy meinte (in der falschen Übersetzung seiner Autobiografie) »Häßlichkeit verkauft sich schlecht«, dann wohl deshalb, weil es ein Grundbedürfnis der Menschen ist, sich mit Schönem zu umgeben. Auch Dieter Rams meinte in Regel #3, dass gutes Design ästhetisch sei. Die Frage ist bloß, was ist »schön«.

»Schön« ist, so scheint es, eine Domäne der Designer, besser der Gestalter, also von Menschen mit Geschmackssicherheit. Das müssen keine Akademiker und keine akademisch Ausgebildete sein. Loewy war Autodidakt, Rams Architekt. Bloße Ästhetik greift dabei zu kurz. Schön ist etwas dann, wenn es auch so erlebt wird. Ein Gegenstand kann schön sein, aber auch ein Ausflug ist meist schön. Es sind die Erlebnisse. Somit kann auch der Anmeldeprozess schön sein – da ist es sonnenklar, dass damit nicht bloß die Ästhetik des Papier- oder Online-Formulars gemeint ist, obgleich das einen wesentlichen Bestandteil des Erlebnisses (des Produkts) darstellt.

Schön ist mehr als bloße Ästhetik.

Zu schaffen, dass etwas als schön gesehen und erlebt wird, das ist die Kunst der Gegenwart und damit unterscheidet sich der Meister vom Stümper. Damit vereine ich Marinos* Aussage mit jener von Norman: vom Meister gestaltet macht die Menschen Staunen und produziert angenehme Erfahrungen. Design wirkt für ein Erlebnis »seamless, like magic«.


* In der großartigen Caravaggio-Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum (2019–2020) erfuhr ich von einer Aussage von Giambattista Marino (1569–1625). Es heißt er habe damit die Forderung an ein Kunstwerk der damaligen Zeit auf den Punkt gebracht: »Das Ziel des Dichters ist das Wunderbare, ich spreche vom Meister, nicht vom Stümper. Wer nicht Staunen machen kann, dessen Platz ist im Stall.« Es galt Verwunderung und Staunen hervorzurufen, wenn man als gelungen gelten wollte, nicht nur in der bildenden Kunst oder in der Dichtung, auch in der Philosophie, denn das Staunen und Sich-Wundern ist Auslöser von Denkprozessen, die im günstigsten Fall zur Erkenntnis führen. Laut René Descartes ist das Wundern die erste Leidenschaft der Seele. Ich erweitere diese Anspruch auf unsere Arbeit als Designer.


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Rudolf T. A. Greger

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