Ein Problem des Design, auch der Grafik!

06/03/2022

Kommentar

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Immer wieder – und mir scheint, immer häufiger – erlebe ich wunderbar gestaltete Unterlagen zu überaus wichtigen Themenstellungen über Klima, Gesellschaft, Forschung und Technik, usw.

Ich greife mir diese Unterlagen, will lernen, zumindest wissen, worum es dabei geht, nur um alsbald verzweifelt, nein, verärgert das aufwendig gestaltete Dokument in den Müll zu werfen. Ins Altpapier freilich. Ein wenig traurig, weil ich ja weiß, dass auch die Herstellung des Papiers und seine Bedruckung beträchtliche ökologische Kosten verursacht hat. Beträchtlich selbst dann, wenn ich das Material jetzt der Wiederverwertung zuführe. Die finanziellen Kosten blende ich aus – das hat mir die aktuelle Politik schon beigebracht (ich resigniere), die da behauptet, Geld gibt es so viel wir wollen. Also die Euros sind es nicht.

Schade ist, dass sich da Leute darum bemühen Texte zu schreiben und Sachverhalte darzustellen, Fotografen versuchen, das passend bildhaft zu dokumentieren und Grafiker mühen sich es schön aussehen zu lassen. Doch – vermutlich – die letzteren sind es auch, die dann diesem Projekt den Todesstoss versetzen. Es bleibt beim Bemühen. 

Beim falschen Bemühen!

Man bemüht sich, die Information schön aussehen zu lassen – was zweifelsohne häufig (siehe oben) gelingt – aber man ist nicht in der Lage, diese Information aufnahmefreundlich aufzubereiten. Jedenfalls häufen sich diese dilettantischen Versuche.

Die Grafik ist »so schön«, dass ich lieber die Doppelseite ansehen, anstatt Fachinformation aufzunehmen (sollte ich mich besser in Photoreading üben?). Ich sehe eine schöne Seite, saubere Bilder, tolle Headline (die aber tw. keinen Inhalt von Substanz erkennen lassen) und schöne graue Textflächen in wunderbaren Schriften gesetzt.

Dann lehne ich mich zurück, wundere mich, ärgere mich über die vertane Zeit, die verursachten ökologischen Kosten und über diese selbstgefällige Gestaltung. Design (hier Grafikdesign) für den Designpreis, die Designkollegen, aber keinesfalls für die Leser. Dabei soll designen das Leben der Menschen verbessern. Macht es das nicht, dann ist es ein Ausdruck seines Schöpfers, des Künstlers, es ist dann Kunst. Die darf (ja sie muss vermutlich sogar) irritieren oder mindestens zum Staunen bringen (»sonst wäre sein Platz im Stall« – darüber gab’s einmal eine Fußnote, ganz unten).

Mitunter am Schlimmsten, die Designer selbst

Leider sind es oft insbesondere die Werke aus der und über die Design-Szene oder gar Servicedesign-Szene, die im Text zwar vorgeben sich in die Schuhe der Kunden (hier demzufolge, der Leser) zu stellen und zu derem Wohle zu gestalten, deren Ergebnisse aber überhaupt nicht die Leserbedürfnisse erfüllen. 

Hübsch anzusehen (meistens, nicht immer), aber unbrauchbar zu lesen. 

Falscher Zeilenabstand (um mehr Papier zu verbrauchen oder um wertvoller, weil mehr Seiten, zu scheinen?), 

schlechte Papierwahl (es glänzt, eine gute Ausleuchtung mit der Schreibtischlampe verunmöglicht das Lesen, vermutlich soll ich lieber nur bei Tageslicht, aber bewölkt sollte es sein, lesen), usw. 

Dazu gelegentlich sperrige Formulierungen (weil es wichtig wirken, daher wissenschaftlich ausgedrückt werden muss). Der einfache Mensch (und das sind wir letztlich alle, insbesondere wenn wir es eilig haben) hat dann keine Chance die Information zu durchdringen. Das Pamphlet wird wertlos. Nur jene, die wenig arbeiten müssen, die also mit frischem Kopf, gleich in der Früh, gut ausgeschlafen und mit nichts anderem beschäftigt, sich Paragraph für Paragraph ansehen, entziffern, auf die eigenen Umstände passend übersetzen können, jene haben Chance auf Erkenntnisgewinn. Universitätsprofessoren in Pension. Aber die wissen es schon oder haben keinen Bedarf daran.

»Leider« schreib ich oben, weil es tatsächlich ein Leid ist. Wir alle leiden darunter, dass diese Grafik primär schön sein als dass sie funktionieren will.

An Kommunikationsdesign stelle ich andere Forderungen.

Ich sehne mich nach einem einfachen, einspaltigen, dabei aber lieber zu schmal als zu breit gesetzten, kurzen Text, der mir in klaren Worten, in drei Minuten lesbar erklärt, worum es geht. Ich brauche kein Hochglanz und kein schweres Papier, allein die Klarheit so einer Information wäre »schön«.

Oh, das ist es!

Sie ist nicht »schön«, sondern sie wäre die grafische Manifestation dessen, was ich als »nichthäßlich« bezeichne. Das iPhone (Rechteck mit abgerundeten Ecken) in Grafik. Ein Blatt Papier, darauf in sauberer Schrift, wohl spationiert, im rechten Zeilenabstand, ein klar formulierter Absatz in einer Sprache, die die Zielgruppe (z.B. ich) gut, d.h. in kurzer Zeit, verstehen kann.

Nichhäßlich gibt es auch in Grafik!

Na klar sind auch meine visuellen (grafischen) Äußerung oft nicht nichthäßlich, sondern bloß schön – für manche. Anderen gefallen sie nicht. Nichthäßlich würde von allen akzeptiert werden können, würde allen ästhetischen Ansprüchen genügen. So ein Produkt (Gegenstand, Prozess oder Dienstleistung; auch Grafik) würden alle gut aushalten, würde allen nützen, würde jeder konsumieren wollen.

Aber das wäre unbefriedigend für die Grafiker und vielleicht gelegentlich auch für deren Auftraggeber, die irrtümlich meinen, das Besondere (ihr Produkt, ihre Information) müsse auch besonders aussehen, sonst müsste man dem Grafiker ja nichts bezahlen. 

Zu dumm, dass die Menschen immer meinen man müsse Gestaltung »sehen«. Die beste typografische Leistung ist die, wenn es niemanden auffällt, wenn es einfach funktioniert. Gleiches gilt für den Gebrauchstext.

Hinweis: Was ich hier fordere ist vermutlich ein Ideal, das wir anstreben sollen. Ich strebe es an. Mit meiner Gestaltung, mit meinen Formulierungen, mit meinen Bezeichnungen. Das gelingt nicht immer, das ist mir klar. Schreibe mir, wo es mir gelungen ist und wo auch ich fatal meine Forderungen verfehlt habe.