Diskussionen in Zeiten der Corona-Krise

09/04/2020

Letzte Woche war ich in einer großen Diskussion via Zoom – meine erste Online-Besprechung mit vielen Teilnehmer, den ExpertsCluster-Kollegen von designaustria. Der Unterschied zu den realen Treffen in so großen Runden ist doch gravierender als ich dachte. Zum einen verändern die Personen immer wieder ihren Platz. Je nachdem wie es die Software für sinnvoll erachtet (oder die Teilnehmer ihre Bildschirme ein- oder ausschalten, sich weg- und zuschalten), wird die Reihenfolge verändert. Wenn man sich alle Teilnehmer gleich groß ansieht beginnt man zu suchen, wo denn nun am 27-Zoll-Schirm der Sprechende gestikuliert, man will ihm ja zusehen. Dem ist noch leicht beizukommen – Zoom bietet ja die Möglichkeit, dass der sprechende Teilnehmer hervorgehoben wird. Unglücklicherweise haben aber nicht immer alle ihr Mikrophon ausgeschaltet (noch nicht, das wird eine neue Etikette, die sich erst herumsprechen und entwickeln muss) –– Psst, bei Zoom kann man ein ausgeschaltetes Mikrophon per Leertaste (spacebar) kurzfristig, also während seines eigenen Sprechbeitrags, aktivieren. –– Also ist der sprechende groß abgebildet, aber jemand anderes beginnt zu tippen, schnäuzt sich, fragt nach Feuer in sein Zimmer, etc. und schon wechselt der Bildschirm für einen Augenblick. Die große Anzeige ist also nur eine zweitrangige Option, denn sie hat auch den Nachteil, dass man nicht alle Teilnehmer zugleich sieht.

Ein weiteres Detail ist mir aufgefallen. Man kann nicht erkennen, wer einem gerade ansieht. Wird man gerade beobachtet, während man sich ein Keks in den Mund schiebt? Immerhin sitzt man ja (gemütlich) im Home-Office, also mit ein paar privaten Annehmlichkeiten. Vermutlich schaut einem ohnehin niemand zu, aber man weiß es nicht, man selbst sieht sich recht deutlich beim kauen.

Wenn man nicht sieht, wer einem ansieht, dann kann man auch keinen Augenkontakt knüpfen, kann sich nicht zustimmen, kann keinen Widerstand erkennen. Ich kann nicht einmal erkennen, ob jemand in das Eck sieht, in dem mein Bild angezeigt wird, weil ja jeder die Bilder in anderer Reihenfolge angezeigt bekommten. Wir können somit nicht sagen, ob alle zum aktuellen Sprecher nach rechts unten blicken. Die Software müsste alle Bildschirme synchronisieren und die Positionen stabil halten. Das ist ein Feature Request für die kommenden Versionen. Steigt jemand aus, dann ist diese Stelle leer, wie bei einem Stuhl im Besprechungsraum.

Ein anderer Effekt wird auch schlagend, durchaus vorteilhaft: die Diskussion wird entschleunigt. Es gibt (es gab in unserem Fall) keine große Hektik, die Sprachbeiträge werden »brav« aneinandergereiht. Ja, auch hier gibt es die Möglichkeit sich durch penetrantes dreinreden das Rederecht zu erkämpfen, aber es ist (noch) selten. Jeder spricht nach dem anderen, unglücklicherweise in einem Monolog. Auch das scheint der Mangel an Feedback durch Augenkontakt und Körpersprache zu verursachen und Grund für mehr ausufernde Wortbeiträge zu sein. Man fühlt sich nicht gleich verstanden und meint, mehrmals wiederholen zu müssen.

Fazit

Es braucht deutlich mehr Disziplin beim Reden, Signallampen scheinen noch wichtiger zu sein als sie es bei Debatten im Besprechungszimmer schon sind, und es braucht eine gute Moderation. Die Gruppe muss das Wort immer an den Host zurückgeben, der muss präzise Fragen stellen, das Wort erteilen und der Angesprochene muss kurz und knapp darauf antworten (vgl. Helmut Schmidts brillante Antworten, z.B. bei 3:40). Das wird uns eine neue Diskussionskultur bringen. (Hoffentlich).

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Rudolf T. A. Greger

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