Design nach Covid-19

11/05/2020

Zurück im Büro — Restart — das ist klar — aber wie geht es nun weiter? Wir alle sind zurückgeworfen auf das Eigentliche. Die Bedeutungen einzelner Berufsbilder ist wieder zurechtgerückt. (wer weiß wie lange). Die eigene Überflüssigkeit wird einem wie in einem Spiegel vorgehalten und man beginnt darüber nachzudenken: Wozu?

Das alte Problem aus meiner Studienzeit steht plötzlich in voller Größe wieder vor mir: der Designer fördert den Konsum und damit die Güterproduktion und leistet sohin einen erheblichen Beitrag zur Umweltbelastung; durch die verwendeten Materialien, durch Abgase und Schadstoffe während der Produktion, durch vom Design angeregtes vorzeitiges Austauschen von funktionsfähigen Gütern, etc. »wer hält das aus?«, fragte einst Otl Aicher in »die welt als entwurf«.

Der Mensch löst solche kognitiven Dissonanzen auf, indem er passende Erklärungen bildet. Im Studium erklärten wir uns nach stundenlanger Diskussion, ob unser Studium richtig und wichtig ist, dass wir (als Designer) an einer Schlüsselposition sitzen. Wir könnten mit unserer Vernunft und unserem Sinn und unserem Verantwortungsgefühl für Ökologie stark machen und auf die Unternehmer (unsere Auftraggeber) einwirken. Besser als so manche anderen, meinten wir im jugendlichen Übermut. Wir könnten die besseren Materialien vorschlagen, das bessere Papier, die umweltverträglichere Druckfarbe, den verträglicheren Kunststoff. Heute, nach mehr als 30 Jahren als Designer und Unternehmer weiß ich, das funktioniert nur so lange, so lange es auch wirtschaftlich Sinn macht. In irgendeiner Weise; indem das Produkt durch die Umweltverträglichkeit günstiger wird, indem es für den Imageaufbau genutzt werden kann, zur Unternehmenspositionierung, etc.

Die wahre Auflösung der Dissonanz

Der andere Aspekt wird in solchen Diskussionen oft übersehen. Design (vornehmlich Produktdesign oder auch Grafikdesign) ist nicht nur dann gut, wenn es umweltverträgliche (umweltfreundliche) Materialien einsetzt. Design ist an sich gut, wenn es auf seine Kernfunktion fokussiert: das Leben der Menschen zu verbessern (Satz #3). Der Designer ersinnt Strategien um eine bestehende ungünstige Situation derart zu verändern, dass sie einem Ideal nahekommt (Satz #2). Danach strebt der Designer in Wahrheit. Diese Funktion wird immer wichtig bleiben und ist es auch in dieser unserer Situation! Design bleibt relevant.

Designer sind es gewohnt Probleme zu lösen. Charles Eames erklärte uns schon, dass die Grenzen des Designs mit den Grenzen der Probleme ident sind (siehe z.B. »Design Q & A with Charles Eames« bei 0:53). Die Frage ist nur: machen wir Designer das, lösen wir die Probleme? Oder sind wir auch dieser Hybris verfallen: die Welt müsste schön sein, erst die Menschen geben den Produkten Bedeutungen, also verschaffen wir ihnen die Möglichkeit dazu, unterstützen wir unsere Auftraggeber dabei, auf dass weiteres (unendliches?) Wirtschaftswachstum möglich ist? Jetzt, in diesen Wochen der CoV-Krise, können wir wieder aufwachen und uns erinnern was wir im Studium diskutierten.

Die Umkehr vollziehen

Wir knüpfen wieder an den Ideen eines alten Österreichers an: Victor Papanek. Er kritisierte diese konsumfördernde Eigenschaft des Designs und verlangte »Design for the real world«. Also entwerfen wir jetzt für die echte Welt! Überlegen wir uns: »What would Victor say?« Was würde er heute sagen, wie würde seine Philosophie in unserer Zeit lauten? Papanek wirkte ja in den Ausläufern der Industrialisierung.

Zur Beantwortung dieser Frage – was wir jetzt brauchen – können wir uns auch auf die Erkenntnisse anderer großer »Österreicher« stützen: die österreichische Schule der Nationalökonomie liefert eine Menge Fakten, wie wir die Welt zum Besseren verändern können. Nämlich nicht, indem wir (die Designer) uns überlegen, wie wir (die Menschen), die Welt in Zukunft sehen, uns die Politik, die Demokratie, den Umgang mit der Natur, den CO2-Ausstoß, etc. wünschen, das wäre nur eine andere Diktatur einer Elite (und jeder Mensch ist korrupt, auch eine Philosophen-Regierung). Da halte ich es lieber mit Henry David Thoreau: »Die beste Regierung ist die, die am wenigsten regiert.«. Klüger ist es zu akzeptieren, wie die Menschen sind, und dann Anreizsysteme zu schaffen, damit sie sich für »das Bessere« entscheiden können. »Menschliches Handeln« von Ludwig Mises erscheint mir dafür die nützlichste Lektüre. Damit bewahrt sich der Designer seine ursprüngliche libertäre Grundhaltung und stiftet sein Wirken der Entwicklung der Menschen ohne in Versuchung zu geraten selbst zum »Philosophenkönig« zu werden.

Besinnen wir uns auf das, was wir gut können: Probleme lösen! Wir müssen uns bloß der richtigen Probleme annehmen: das gute Leben in Freiheit und ohne Zwang. Wir überzeugen unsere Mitmenschen mit humanen, ökologischen und unbedingt auch wirtschaftlichen Aspekten. Leicht ist das nicht, denn das erfordert, dass wir unsere Hausaufgaben erledigen und nicht bloß Parolen einer politischen Agenda nachplappern. Einige von uns meinen, die Gesellschaft ist unser Auftraggeber (und denken insgeheim, die Regierung möge Geld bereitstellen). Diese Kollegen haben ihre wirtschaftlichen Überlegungen noch nicht abgeschlossen, denn woher kommt das Geld? Die Wirtschaft, der Unternehmer erarbeitet es. Indem er den Menschen Nutzen anbietet, werden diese zu Kunden. Die bezahlen dankbar für diese Erleichterung oder das Vergnügen. Damit kann man dann die Ausgaben der Regierung finanzieren. Eigentlich sehr simpel. Es ist eine wirtschaftlich Argumentation, es braucht keine diktatorische.

»Gutes Design macht das Leben schöner, bequemer, einfacher, fröhlicher. Großartig gesprochen könnte man sagen, mit gutem Design fühlen sich die Leute wohler und könnten wir [Designer] einen Beitrag leisten, dass die Menschen besser miteinander auskommen.« Das sagte ich im Frühling 1999, im Rahmen der d_vision’99, die in unserem Büro stattfand. Das stimmt noch immer, darauf können wir uns wieder besinnen. Übernehmen wir also endlich Eigenverantwortung – jetzt ist die beste Gelegenheit dazu, zu zeigen wozu unser Stand (Design) imstande ist!


PS: Und wer sich interessiert diese Denkweise, die auch die Designer anwenden, selbst zu lernen, meist reichen Fragmente davon, dem bietet sich die Möglichkeit eines 1:1-Trainings: Design-Thinking-Essenzen.


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Rudolf T. A. Greger

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