Ich fahre auf der Autobahn. Eine Baustelle. Einer der Arbeiter reinigt den Arbeitsbereich. Offenbar ist eine entscheidende Arbeit beim Erneuern des Belags abgeschlossen. Ich fahre (wie vorgesehen in Baustellenbereichen) recht langsam, kann ihn länger beobachten. Er arbeitet offenbar konzentriert, nicht hektisch, aber auch nicht gelangweilt langsam, er arbeitet sorgfältig und gründlich. Da denke ich mir:

Gibt es in der manuellen Arbeit Prokrastination?

Manchmal erlebe ich ein ungutes Gefühl in mir. Ich will mit einer Wissensarbeit fertig sein, aber irgendetwas hält mich auf, hindert mich daran, loszulegen. Dann muss man andere Dinge vorher erledigen, irgendwelche »Vorarbeiten« durchführen, etc. Wir nennen es dann: wir prokrastinieren.

»Prokrastination« kommt, wie wir von Wikipedia lernen, vom lateinischen procrastinatio und ist eine Art extremes Aufschieben; man will zwar eine Arbeit erledigen, aber anstatt damit zu beginnen, verschiebt man es auf morgen oder übermorgen oder ...

Aber das kennt dieser Bauarbeiter wohl nicht. Der hat kein ungutes Gefühl. Der macht konzentriert seine Arbeit und so lange es dauert, so lange dauert es. Vermutlich. Der denkt nicht gleichzeitig, während er wegkehrt, dass dann noch dieses und jenes zu tun ist und dass das knapp werden könnte und dass er eigentlich schon längst mit dem Kehren fertig sein sollte, aber es dauert eben noch, muss noch gemacht werden, hoffentlich geht sich das heute noch aus und da war doch noch ...

Solche Gedanken haben aber die Wissensarbeiter. Meistens. Außer es gelingt ihnen in den Flow zu kommen. 

Aber Flow ist heutzutage schwierig. Wegen der vielen Unterbrechungen, denen wir heute (1) von außen (Anfragen, Telefon, SMS, vielleicht auch eMails) und (2) von innen (eMail nachsehen, social media, Gedanken an andere wichtige und unwichtige Dinge) ausgesetzt sind. 

Diese vielen Gedanken verhindern Flow und machen unrund, besorgt, erzeugen den Druck, die Hektik, das Gefühl man macht zu viel (was der Fall ist) und ist besorgt, dass es einem entgleitet (was zwar möglich, aber unwahrscheinlich ist).

Unwahrscheinlich ist es, weil ich feststellen konnte, dass Menschen, die dieses Feingefühl der drohenden Überlastung haben, meist rechtzeitig zu neuen Dingen Nein sagen, zugesagtes Abgeben und verantwortungsvoll die zugesagten Sachen abarbeiten. Sie schaffen das Pensum in aller Regel, aber angenehm ist es nicht. Und gesund wohl auch nicht.

Warum gerade bei Wissensarbeit

Ich vermute, es ist eine Funktion der Klarheit. Wenn ich genau weiß, was zu tun ist, kann ich recht präzise abschätzen wie lange es dauert, kann mich für die Arbeit einteilen, weiß über meine Zukunft – die kurzfristig unmittelbare – Bescheid. Aber bei der Wissensarbeit ist häufig die Arbeit weniger klar. Es ist oft Neuland, das beschritten und erkundet werden muss. Man ahnt in welche Richtung es geht, was passieren und zu machen sein könnte. Aber es ist höchst ungewiss. Es kann fünf Minuten oder Tage dauern. Man erarbeitet eine neue Vorgangsweise und muss diese erst entdecken, dann optimieren, dann üben und erst danach kann so etwas wie eine vorsichtige Routine einsetzen, die einem dann diese konzentrierte Entspanntheit des Bauarbeiters ermöglicht. 

Wenn ich weiß, dass ich 10 Meter Mauer einen Meter hochziehen muss, dann ist der Vorgang klar und die Dauer sehr gut abschätzbar. Man kennt sich, man weiß, wie schnell man bei dieser Temperatur arbeiten kann, das Unvorhersehbare ist abgegrenzt. Das ist keine Funktion der Komplexität, sondern des Wissens, der Ahnungssicherheit. Eine Mauer gerade zu maurern und so, dass sie auch stehenbleibt und ansehlich aussieht, das ist feinstes Handwerk. Das ist auf seine Weise nicht einfacher als so manche Aufgaben in der Wissensarbeit. (Unlängst haben wir erst über einen gemauerten Industriekamin gestaunt. Der steht stabil im Wind, wahnsinnig hoch, aus vielen kleinen Ziegeln, konisch, das ist ein handwerkliches Kunstwerk.)

Der Unterschied ist, dass der Maurer (oder auch der Sattler oder ein anderer Handwerker) in aller Regel weiß, was auf ihn zukommt und der Wissensarbeiter nicht. Verschärft wird es dadurch, dass letzterer auch nicht weiß, wann er es machen möchte oder machen kann und wie es gelingen wird und was genau zu tun sein wird. Dabei müsste er doch bloß beginnen.

Warum packt man es nicht einfach an?

Offenbar, weil man nicht abschätzen kann, mit welcher Arbeit man am effektivsten seine Ziele verfolgt.

Natürlich gibt es viele Menschen, die das wissen und können, aber die Mehrheit eben nicht. Das sind ja jene, die unter Prokrastionation leiden.

Auch diese Menschen sollen entspannter leben können. Mit meinem Productivity-Sparring möchte ich sie dabei unterstützen. Die Prokrastination verschwindet – jedenfalls der Hang dazu –, wenn man weiß was man machen möchte, warum man es machen möchte, und welchen Rang die zu leistende Arbeit im Vergleich zu den vielen anderen zu erledigenden Arbeiten hat. 

Wenn wir wissen, was wir wirklich gerne machen und was wir uns aufdrängen lassen, wenn wir erkennen, dass wir die eine Arbeit zwar liebend gern machen würde, die andere aber für unser Einkommen relevant ist, dann können wir eine Entscheidung treffen.

Wir können uns entscheiden, dass wir kein Einkommen mögen oder das Einkommen höher bewerten als die Lust an der Arbeit oder eine andere Form für Einkommen suchen. Wir können Pläne schmieden.

Wenn uns bewusst ist, dass wir diese Entscheidung auch revidieren können und dass die versunkenen Kosten dennoch die geringsten sind, dann leben wir leichter und werden effizienter.

Nachtrag: einen Monat nachdem ich diesen Artikel skizzierte, las ich Mind Management, Not Time Management von David Kadavy und die Sache klärt sich auf.

Fortsetzung folgt ...


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Rudolf T. A. Greger

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