Das höchste Ziel

07/08/2022

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(Logbuch-Eintrag 20220719.0601) — Design hat zum Ziel das Leben der Menschen zu verbessern. Verbessern heißt, vereinfachen, erträglicher, bequemer, freudvoller machen. Das scheint mir das höchste Ziel (im Design) zu sein. 

Design hingegen, dass das Leben der Menschen komplizierter macht, das Rücksichtnahme gegenüber einem Gegenstand oder einem Prozess erfordert, und schlimmstenfalls dadurch auch noch beim Nutzer Stress verursacht, ist gescheitert.

Das Kriterium ist recht einfach.

Muss ich aufgrund des Designs eines Produkts (aufgrund seiner besonderen Gestaltung) bestimmte Handlungen ausführen, die ich ohne dieses Design (dieser besonderen Gestaltung) nicht zu tun hätte, auf die ich nicht achten müsste, dann ist es falsch.

Ein verchromter Deckel, den ich mit den Fingern niederdrücken muss, damit ich ein Papier damit festhalte, das ich abreißen will und wodurch ich diesen Decken unansehlich mache, weil jetzt ein Fingerabdruck darauf zu sehen ist, was mich wiederum dazu zwingt, diesen Deckel abzuwischen und zu polieren, das ist ein Designfehler.

Ein Gegenstand der so designt ist, dass er im Gebrauch unansehlich wird und spezielle Reinigung braucht, ist falsch designt. Das Gegenteil davon ist immer schon die Absicht von Design gewesen. Die guten Designer setzten sich von jeher dafür ein, dass das Leben einfacher wird, dass Gegenstände im Gebrauch würdevoll altern, dass sie so gestaltet sind, dass die Verschmutzung verhindert wird und durch die Gestaltung zumindest der Reinigungsbedarf reduziert ist. Nebenbei würde das auch die Seele des Produkts entwickeln – aber darüber mehr im ersten Satz der »6 Sätze über Design«.

System betrachten und verbessern

Designer, richtige Designer (!), denken in Systemen. Das Produkt ist kein abgeschlossenes System. Es ist Teil eines viel größeren Systems, dem des menschlichen Handelns.

Dieses System ist vielschichtig, zwiebelartig, und auch abhängig vom Produkt-Lebenszeitpunkt unterschiedlich.

Bei der Produktion gilt es andere Dinge zu beachten als beim Verkauf, wie gelingt eigentlich das Auspacken, dann das zentrale Thema des tatsächlichen, vielleicht sogar täglichen Gebrauchs. 

Das System ist auch anders, ob das Produkt ein Gegenstand, ein Prozess oder eine Dienstleistung ist. Doch bei allen gleich ist, dass es solche Phasen des Produktlebens gibt und sie entweder so sind, wie sie eben sind (passiert) oder sie sind gestaltet (also durch bewusstes Eingreifen verbessert).

Was »verbessert« bedeuten kann, habe ich ausführlich in »Designen verbessert das Leben der Menschen.«, dem dritten Satz der »6 Sätze über Design« dargelegt. Die Verbesserung anzustreben, ist die wahre Berufung zum Designer.

»Besser« ist mitunter (meist) unterschiedlich, je nach betroffener Person, aber in den meisten Fällen weiß jeder ungefähr, was »besser« wäre. Wir beginnen mit der Verbesserung beim Kunden, beim Nutzer, dem Gebraucher, dem Konsumenten. Dieser Person soll es am besten gehen, ihr Leben soll primär durch unser (gestalterisches) Eingreifen »besser« werden. Dann gehen wir die Produktlebenslinie zurück bis zum Anfang und trachten danach, dass auch die anderen involvierten Personen bestmöglich damit zurecht kommen.

Menschenorientiert

Der Mensch im Zentrum! Manche nennen das dann »user centred«, ich bevorzuge »user oriented«. Der Unterschied in der heute üblichen Interpretation dieser Begriffe ist, dass wir von außen entscheiden sollen, was dem Nutzer gut tun würde (»user oriented«) und nicht dem Nutzer diese Verantwortung überstülpen (»user centred«). Der Nutzer kann im Regelfall nicht artikulieren, was ihm besser täte und wie wir es ihm ermöglichen sollen und es ist unsere Verantwortung als Unternehmer, als Designer, als Verkäufer, Sachbearbeiter, etc. uns bestmöglich dafür einzusetzen. Auch dazu ein Kapitel im Buch zum dritten Satz, die gestaltende Person soll sich für das Wohl der nutzenden Person einsetzen. Dafür braucht sie die »3 Kerneigenschaften für Design-Thinking«: Empathie, Interpretationskompetenz und Entscheidungsmut. Dieser Mut ist es, der heute oft fehlt, der Mut für und im Sinne der Nutzer zu entscheiden.

Diese Entscheidung ist selten leicht, sie hat Konsequenzen und erfordert daher entsprechendes Verantwortungsbewusstsein. Sie muss so getroffen sein, dass es für den jeweiligen Nutzer passend ist, dieser Person wiederum Optionen ermöglicht, die sie leicht treffen kann. Das getraut man sich immer weniger. Der Konsument soll es selbst entscheiden, man will es nicht verantworten und auch keine Fehler machen.

Dabei darf man das den Einzelnen gar nicht vorwerfen. Auch dieses Verhalten der Manager ist Ergebnis unserer sozialen Wohlstandssozialisierung (was für eine Formulierung 😄). Wir werden schon als Kleinkinder befragt, wo wir im Lokal sitzen wollen, anstatt dass der Erwachsene das im Sinne des Kindes entscheidet. Früher hätte man auch den Kavalier als Beispiel nennen können, der sich so verhält, dass es der Dame gut geht, der zwar »diktarorisch« entscheidet, aber eben nicht egoistisch für sein Wohl, sondern für jenes seiner Begleiterin. Auch die Familienoberhaupt (wer immer das heute für sich beansprucht) braucht nicht demokratische Abstimmungen durchführen, wenn die Abstimmenden intellektuell (noch) nicht in der Lage sind zu entscheiden, sondern soll für die Familie das Richtige tun. Und genauso muss es die Unternehmerin und der Designer. Diesen Mut zu so einer Entscheidung – die auch falsch sein kann, das ist das Unternehmerrisiko – vermisse ich von Mal zu Mal und immer häufiger.

Freiwillig

Bevor jetzt ein Aufschrei durch die Leserschaft geht (der vermutlich schon wegen meiner Ausführung zum Kavalier grollte) will ich eine wichtige Grundregel hinzufügen: der Designer (der Unternehmer) soll zwar im besten Sinne »diktatorisch« für den Nutzer (den Konsumenten) entscheiden, aber dabei muss es für die Nutzer immer eine freie Wahl bleiben. Der Unternehmer macht ein Angebot und der Kunde kann es ablehnen. Der Unternehmer glaubt zu wissen, welches Angebot der Konsument annehmen wird und vermutlich das Beste für ihn ist, aber der Unternehmer zwingt nicht dazu, das Angebot anzunehmen. Die Konsumenten können ablehnen, wenn sie meinen, dass es nicht das Beste für sie ist. Auf diese Weise bildet sich »der Markt«, durch Angebote und Nachfrage.

(Es gibt nur eine »Organisation«, die uns diese Freiheit nicht erlaubt. Das ist nicht das »organisierte Verbrechen«, es sind die Regierungen mit ihren Produkten, die wir gezwungen werden einzukaufen und die wir durch Steuerabgaben bezahlen. Das ist nicht freiwillig, weil wir es uns nicht aussuchen können. Es kann nur sein, dass wir mit manchen Angeboten und manchen Abgaben einverstanden sind. Unser Einverständnis für eine Sache heißt aber nicht zwangsläufig, dass wir frei entscheiden können, denn würden wir nicht damit einverstanden sein – was ja bei manchen Staatsausgaben durchaus der Fall sein könnte – dann können wir diesen »Kauf« nicht ablehnen. Ein Unternehmer (egal welcher) ermöglicht immer diese Ablehnung; niemand MUSS Heidelbeeren aus Peru und Erdbeeren aus Spanien in Österreich kaufen.)

Der Gebrauch entscheidet

Der Beruf des, nein, die Berufung zum Designer drängt die ihr folgenden Personen dazu, das gesamte System zu betrachten (zu betrachten, so weit es im Moment möglich und sinnvoll ist) und es für möglichst viele Systemteilnehmer, freilich ausgehend vom Konsumenten, angenehm zu machen – es zu verbessern. Immer hat dabei der Kunde, also jene Person, die dem Konsumenten am Nächsten steht, Vorrang. Der Autor muss sich beim Schreiben anstrengen, damit sich nicht der Leser beim Lesen anstrengen muss. Oder, die Mechanikerin muss reparieren, damit es nicht die Autofahrerin machen muss. Aber die Ingenieurin muss sich anstrengen, damit es nicht die Mechanikerin muss (z.B, beim Wechseln der Zündkerzen). Auch die Manager müssen sich anstrengen, damit es nicht die Mitarbeiter müssen (z.B. Administrationskomplexität). Wie der Autor komplex schreiben kann, sodass der am Inhalt des Textes interessierte Leser viel darüber nachdenken muss (das ist für den Autor potentiell einfach) oder der Autor sich anstrengt einfach zu formulieren, damit es der Leser beim ersten Lesen versteht, so kann der Manager Prozesse ausdenken, die für ihn einfach zu administrieren sind, aber für den Mitarbeiter anstrengend zu folgen oder umgekehrt. (Dieser letzte Satz dient wohl auch zur Demonstration, denn vermutlich musst du als Leser das nochmals lesen und durchdenken, um meiner Windung zu folgen. Für mich war es relativ einfach zu schreiben. Ich weiß ja, was ich denke. Ich könnte jetzt aber überlegen, wie schreiben müsste, wenn ich nicht wüsste, was ich wüsste. Da wäre der Satz vermutlich ein Absatz oder mehr.)

Nicht immer wird uns das gelingen – uns so anzustrengen und richtig zu entscheiden, dass es unserem Kunden leicht geht. Aber als anständige Mensch streben wir danach, den Mitmenschen nicht unnötig Arbeit zu machen, sondern diese ihnen zu erleichtern. Klar, Arbeit bleibt es trotzdem. Wir bereiten bloß auf einer Ebene die Rahmenbedingungen so auf (unsere Anstrengung), dass die Arbeit auf der nächsten Ebene einfacher wird (deren Anstrengung). Mit so einem Fokus gelingt es, auch komplexe Systeme zu verbessern, ohne dabei einer Hybris zu verfallen, man könne Systeme als Einzelner vollständig durchblicken und durch geschickte Intervention optimal designen (wie es AUT- und EU-Politiker offenbar von sich glauben). Wir sehen immer nur einen Ausschnitt des Systems, den wir unter Bedachtnahme der vielleicht möglichen Systemauswirkungen, das [[erste Prinzip]] anwendend, optimieren können.

Unternehmer, Manager, jeder Leistungsträger braucht dafür jemanden, der ihn berät, moderiert und motiviert, braucht eine intellektuelle Reflexionfläche, die einem dabei unterstützt zu innovieren. Innovieren muss jeder, schließlich sind alle Märkte laufend im Wandel.

PS: Wann immer du über eine Produkt-Innovation nachdenkst, du hast vier Möglichkeiten mit mir in Kontakt zu treten:

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