Circle-Brainstorming

03/10/2021

Im Jänner 2016 werde ich von Microsoft Wien kontaktiert. Man plane ein Team-Building-Ereignis und wolle dabei Brainstorming nutzen, um die Themen der nächsten zwei oder drei Jahre festzulegen. Ein paar große Dinge stünden bevor, Trends wurden identifiziert und nun wolle man diese Tage des Team-Retreats dazu verwenden, Maßnahmen zu entwickeln. Ich möge – als Österreichs Design-Thinking-Experte – dabei unterstützen.

Gerne übernehme ich die Aufgabe. Es ist keine leichte, denn Brainstorming ist schwierig. Für Kreative (so die Mär) gehört es zum Alltag, doch auch die (so meine Erfahrung) haben ihre Schwierigkeiten damit.

Auch wenn wir mannsgroß im Besprechungsraum unsere Regeln der Freiheit plakatieren (was selten der Fall ist), werden diese Regeln nicht befolgt. Wir sind es nicht gewohnt, wir alle wurden anders sozialisiert, wir haben etwas zu verlieren. Also denken wir nicht frei, sagen wir nicht alles (obwohl wir alles sagen dürfen) und wir bauen nicht auf den Ideen der anderen auf (zumal wir häufig mit diesen anderen in Konkurrenz um die nächste Beförderung stehen).

Es ist eine Sache zu sagen, dass wir alles sagen dürfen und nichts kritisieren sollen, dass es keine guten oder schlechten Ideen gibt, dass wir wilde Ideen unterstützen und auf jene der anderen aufbauen sollen, das Quantität das Ziel ist und die Qualität erst später beurteilt wird.

Es ist eine andere, sich auch so zu verhalten.

Wenn wir dann noch fordern, dass die Ideen visualisiert, also gezeichnet werden sollen, dann bremsen wir für gewöhnlich den Ideenfluss noch mehr.

Zeichnen schlägt Schreiben

Dabei ist diese weitere Forderung (die sich auch aus meiner Erfahrung gebildet hat) wichtig: zeichne deine Idee auf, eine Idee pro Postit. Wir können gezeichnete Ideen (auch wenn sie [vermeintlich] häßlich gezeichnet sind) weit besser identifizieren und einordnen als Texte. Das ist leicht erklärt.

Text ist eine Verschlüsselung der Zeichnung. Ich muss den Text lesen, muss den Inhalt verstehen und das ganze wieder zurück in ein Bild umwandeln. Schreibe ich »Koch«, dann sehen wir alle ein Bild; der Weg dorthin ist aufwendiger als hätte ich einfach ein Gesicht mit einer Kochmütze gezeichnet.

Aber wir trauen uns nicht zu zeichnen. Wir machten es zwangslos im Kindergarten, etwas unter Anspannung in der Volksschule und dann schafften es nur wenige zu Zeichenselbstvertrauen im jungen Erwachsenen-Alter (genau so wenige wie es einige von uns zum Gesangs-Selbstvertrauen geschafft haben). Immer wieder hört man dann: ich kann nicht zeichnen (singen, tanzen, vortragen).

Der Witz dabei ist: selbst Designer wollen (häufig) keine kleinen Zeichnungen auf das Postit zeichnen (ich habe das immer wieder mit großer Verwunderung erlebt). Dabei ist das enorm nützlich. Ein Buchtipp zum einfachen Zeichnen. Es sind nur 5 Elemente notwendig: Rechteck, Dreieck, Kreis, Punkt, Strich. Du kannst alles zeichnen damit, auch kleine Figuren.

Brainstormings stocken immer wieder.

Ich erlebte es oftmals. Ein Thema wird definiert, eine Frage gestellt, 10 oder 15 Minuten am Timer eingestellt und nun gilt es möglichst viele Ideen zur gestellten Frage zu generieren.

Los geht's!

Wer sagt als erstes etwas?

Ich schreibe mit und klebe das Postit für alle sichtbar auf die Wand.

100 sollen es (mindestens) werden. Es geht um Quantität, wiederhole ich, nicht um Qualität.

Nichts. Es stockt. Zaghaft tröpfeln Ideen ein. Das Mitschreiben fällt leicht.

Dann endlich sind die 15 Minuten um und wir wenden uns dem nächsten Thema zu.

Nochmals die Qual einer guten Idee – man will sich ja nicht blamieren – aber sie kommt nicht.

Kein Wunder.

Die gute Idee ist hinter den 5, 6, 7, 8 banalen, schlechten, dummen Ideen versteckt. Sie kommt erst hervor, wenn diese Blödheiten gesagt wurden. Aber wenn man die sagt, dann ist man – trotz der hehren Regeln an der Wand – blamiert. Abgestempelt. Banale Ideen? Kindisch? Oje, Gesichtsverlust.

Ich konnte mir das erlauben. Ich war einer der Chefs im Designbüro, ich war der Facilitator, ich war der externe Designer, der sich eh nicht auskennt. Keine Gefahr eines Gesichtsverlusts.

Es ist schwer eine Gruppe so zu motivieren, dass hunderte Ideen heraussprudeln wie das Cola aus einer geschüttelten Cola-Flasche. Noch besser wäre es, wenn es so heraussprudelt als würde man ein Menthos ins Cola werfen.

Wie kann das gelingen? Das war die Frage, die mich vom Zeitpunkt der Auftragsannahme an beschäftigte. Die Teilnehmer sind Techniker, also keine Designer, keine Kreative, von denen man annehmen könnte, dass sie brainstorming-trainiert wären.

Es galt also eine Form von Prozess zu entwickeln, mit dem die Wahrscheinlichkeit einer enormen Ideen-Entwicklung dramatisch erhöht wird.

Die erlösende Idee

Design-Thinking, diese Denkweise der Designer und anderer Berufsgruppe, hat als wesentliches Merkmal die Fähigkeit unterschiedliche Wissensgebiete und Erlebnisse zu vernetzen und Neues zu synthetisieren.

In jenen Tagen war ich auch wieder bei meinem Personal Trainer und machte meine wöchentlichen Muskelübungen. Dieses Mal war auch eine andere Gruppe Turner zugegen. Sie machten ein Zirkeltraining.

Zirkeltraining!

Das ist die Lösung.

Ein Parcours aus mehreren Stationen unterschiedlicher Übungen wird aufgebaut. Jeder Turner arbeitet an einer Station für eine bestimmte Zeit, macht dort die Übung. Kann er eine Übung nicht gut oder macht sie keinen Spass, dann arbeitet er langsamer und schlampiger bis der erlösende Pfiff kommt (nach z.B. einer Minute), dann wechselt er zur nächsten Station. Vielleicht eine Übung, die ihm interessanter und angenehmer ist. Alle Übungen werden zugleich »bearbeitet«.

Das könnte ich mir auch beim Brainstorming zu nutze machen.

Allein statt Gruppe

Anstatt dass die Brainstormer in einer großen Gruppe gemeinsam zu einer Frage zehn Minuten lang Ideen generieren, sollte nun mehrere kleine Gruppen (oder Einzelne) an mehrere Stationen zugleich ihre Ideen auf Postit schreiben und aufkleben. Ein Circle-Brainstorming!

Indem nur kleine Gruppen oder der Einzelne einer Frage gegenüber steht, ist der Profilierungsdruck weg. Nun gelingt es, dass auch die introvertierten Teilnehmer ihre Ideen rausbringen und dass auch die banalsten Ideen weg-geschrieben werden, sodass die guten sichtbar werden können.

Der Postit-Verbrauch steigt zwar drastisch (hoffentlich), doch in diesem Fall ist das gut und gewünscht. Gezeichnet wird zwar noch immer zu wenig, aber (aus dieser Sicherheit einer Anonymität) häufiger.

Wie baut man es auf?

Die Stationen sind dabei unterschiedlich angelegt. Abwechslung fördert die Assoziationsfähigkeit und inspiriert.

An einigen Stationen stelle ich Fragen zu bestimmten Themen, an anderen frage ich hingegen, welche Fragen man zu einem Thema stellen kann. Die Frage nach der Frage befreit davon, eine Lösung nennen zu müssen und gleichzeitig birgt die konkrete Frage für den Wissenden, den Fachexperten schon die Antwort.

Dann mische ich Themen mit dem 6-Farben-Denken von de Bono und sammle nur Emotionen oder nur Fakten ein.

Ein andermal kombiniere ich die Frage nach bestimmten Feldern des Business-Model-Canvas oder nach den Jobs, den Pains und Gains des Value-Proposition-Design.

Jetzt kann auch der Facilitator kreativ werden und mit seinem Circle-Brainstorming-Design den Erfolg der Gruppe vorbereiten.

Ein Brainstorming-Turbolader, warum?

Jedenfalls kann man eine Ideen-Explosion erwarten. Besser man bereitet ein bis zwei Blöcke je Teilnehmer vor, denn wenn das Circle-Brainstorming gestartet ist, dann geht es rund.

Für gewöhnlich gebe ich 1 Minute je Station, 10...15 Sekunden Pause für den Stationswechsel und 3 Tabatas vor. Das bedeutet, alle Teilnehmer arbeiten dreimal an den 8 bis 10 Stationen (abhängig von der Gruppengröße und der Themenvielfalt).

Warum das so erfolgreich funktioniert ist leicht erklärt. 

1. Die Anonymität ist der eine Vorteil. Niemand kann sehen, wer die Banalität oder dumme Antwort hinklebt – aber sie ist aus dem Kopf und befreit den Denker für die nächste, meist deutlich bessere Idee.

2. Habe ich an einer Station keine Idee, fällt mir beim besten Willen nichts ein, auch nichts »Blödes«, dann warte ich diese eine Minute ab und gehe dann zur nächsten Station weiter. Da kann es ganz anders sein. Für die nächste Fragestellung bin ich vielleicht günstiger eingestimmt.

3. Es kommt noch besser. Nach einer Runde komme ich zu dieser ungünstigen Station zurück. In der Zwischenzeit waren eine Menge Brainstorming-Kollegen am Werk und nun lese ich deren Ideen. Das inspiriert. Jetzt ist es leicht auf den Ideen der anderen aufzubauen, denn die sind anonym, meine auch, der Profilierungsdruck ist ja weg und das Gruppenziel prominent. Wir wollen viele Ideen generieren, dominiert die Motivation.

4. Ich sehe auch, was andere Teilnehmer mit meiner Idee gemacht haben und kann das weiter spinnen. Oder durch präzisere Angaben und Darstellung meiner früheren Idee, diese Station in eine andere Richtung lenken, jedenfalls mich klarer ausdrücken.

Am Ende haben alle einen Großteil ihres Postit-Blocks verbraucht. In einem Circle-Brainstorming für die Österreichische Post im Rahmen eines von mir geleiteten Designjams befüllten die 40 Teilnehmer die 11 Stationen mit an die 4.000 Postit.

Die Brainstormer von Microsoft sprengten die Poster und klebten weit drum rum. Sie folgten dem Aufruf: wenn alle immer Out-of-the-box denken wollen, dann verlangte ich hier ein Out-of-the-Poster denken. Es sollten mehr Posit (= Ideen) aufgeklebt werden, als auf dem Poster Platz hatten. So ware es dann auch.

Sind diese Ideen von höchster Qualität?

Kaum. Aber wir erreichen genau das, wofür Brainstorming gut ist und gemacht wurde. Quantität statt Qualität und ein befreiender Brain-Dump. 

Für die Facilitatoren bedeutet das natürlich Extrastunden, denn die 4.000 Postit der Post mussten nachher (es war schon 22:00 durch) geclustert werden und daraus die Themen der acht Teams für den nächsten Tag extrahiert werden. Anspruchsvoll aber machbar. Und insgesamt stieg die Qualität der Arbeit, denn nun waren die Gehirne befreit vom alten Gerümpel und die nächsten Tagen brachten großartige Ergebnisse.

Bei Microsoft folgte ein Fragment aus der Open-Space-Technology. Auch diese Diskussionsrunden brachten neue Ansätze, weil die Vorbereitung durch das Circle-Brainstorming wirkte.

Probiere selbst ein Circle-Brainstorming aus. Wenn du mehr darüber wissen und mit mir so eine Session vorbereiten willst, kontaktiere mich.


Wann immer Du bereit bist, ... hier sind vier Möglichkeiten wie ich dich unterstützen kann:

#BusinessModelCanvas #Managementdesign #DesignThinking #Servicedesign


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One comment on “Circle-Brainstorming”

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Rudolf T. A. Greger

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