Zäsur, Transformation & Tagebuch

02/09/2019

31.8.2019 — Neubelebung des Tagebuchs.

Ich erlebe im Moment eine Zäsur. Es ist eher eine Phase als ein Schnitt; vielleicht eine Art Transformation. Die Inspirationen kommen von überall, meine Forschung wird befruchtet, allein wie bekommt man diese Masse in den Griff? Ich brauche eine Methode mit der ich die Inspirationen sammeln, ordnen, kanalisieren kann. Luhmanns Zettelkasten, den ich voriges Jahr für mich entdeckte, erscheint noch immer als die vielversprechendste Vorgangsweise. Aber Luhmann konnte nur Zettel beschriften und verarbeiten, Computer standen ihm nicht zur Verfügung und er hatte (vermutlich) viel Zeit für das Sortieren und das Ausformulieren; war es doch Teil seiner universitären Arbeit.

Heute haben wir alle möglichen elektronischen Hilfen und Apps, könnten also viel effizienter Wissen verfügbar machen; aber das Gegenteil scheint der Fall. Die Möglichkeiten erzeugen Überfluss. Die technische Machbarkeit verhindert das Machen. Statt auf einen Zettel zu notieren, was man gerade über einen Text denkt, vertröste ich mich auf die nächste Möglichkeit auf meinem Mobiltelefon, Laptop oder Desktop-Computer zu arbeiten. Das Mobiltelefon liegt sogar unmittelbar hier, aber die App zu starten, einen Bereich zu wählen in den man den Gedanken tippt — und zwar mit der Gewissheit ihn später wieder zu finden — ist mühsam, lenkt ab, erfordert zu viel Brainpower, man würde aus dem Lesefluss gerissen und damit aus der Inspiration. Also lieber noch ein paar Absätze warten damit. Doch dann, nach dem Lesen des Textes, ist die zu machende Notiz in der gedachten Dichte und "Genialität" verblasst und verschwunden. Vermutlich war es gar nicht so brillant, eher banal.

Allerdings habe ich in der Zwischenzeit gelernt, die banalen Sachen, die banalen Erkenntnisse und »No-na-Aussagen« sind häufig die erhellenden; jene, die Zuhörer aufhorchen lassen und sie froh machen, dass sie zuhörten. Die einfachen Weisheiten — sozusagen »Kolumbus-Eier des Denkens« — helfen uns im Alltag weiter, geben den entscheidenden Heureka-Anstoß.

Dazu fällt mir ein, vor ein paar Woche fragte mich der Arzt, welche Medikamente mein Vater nimmt und ich möge ihm das aufschreiben. Ich fragte nach der eMail-Adresse und vertröstete auf morgen, weil ich hier, im Spital, kein WLAN und keinen LTE-Empfang hätte. Die Lösung — die mir glücklicherweise ein paar Sekunden später einschoß: Ich fragte nach Stift und Papier. Wir sind so tief drin in der Techniknutzung, dass wir (also ich) die einfachen Lösungen gelegentlich (immer öfter) übersehen.

Also, Luhmann und der Zettelkasten. Vielleicht doch ein Block Notizpapier neben der Lektüre bereithalten. Aber das Schreiben mit der Hand ist deutlich langsamer als mit der Tastatur; die kommt viel eher (auch nicht immer) mit dem Denken mit, die Handschrift hat keine Chance. Dafür wäre das Gedachte vielleicht überlegter? Wer weiß.

Also üben! Wie immer. Wie auch im Design-Thinking. Man muss es üben.

Ich brauche, ich suche eine Möglichkeit meine Forschungsarbeit zu ordnen und zu kanalisieren. Ich werde mit den kleinen Zetteln beginnen. Auf Papier? Vielleicht. Vielleicht aber auch mit "kleinen" digitalen Notizen. Sie miteinander in Beziehung zu setzen und dabei den Überblick zu bewahren, wird die Herausforderung sein. Das ginge digital noch besser als analog, weil ich dann nach Begriffen suchen könnte — naja, und Hyperlinks setzen. Das war Luhmann nicht möglich. Er musste einzelne Zettel mit Querverweisen markieren, Einsprungpunkte durch ein Register schaffen und dann durch den Zettelkasten stöbern. Freilich hatte das den Vorteil, der einem Hyperlink versagt bleibt; er kann zufällig auch interessante Nachbarzettel (wieder-)entdecken.

Das digitale Werkzeug muss gut gewählt sein. (Oje, wieder ein Grund, warum man nicht jetzt loslegen kann.)

Egal, man startet mit einem System, z.B. mit Scrivener. Textschnipsel sind dort gut zu erstellen, man kann sie gut umsortieren, mit Überblick, viel besser als in einem Texteditor, und man kann sie dennoch in einer "digitalen Gegend" halten, also dem Zufall eine Chance geben, weil man einen Nachbar-Textschnipsel sehen kann.

Möge sich die Forschung zu neuen Höhen aufschwingen. Die Transformation ist im Gange. Die Zäsur findet jetzt statt.

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Rudolf T. A. Greger

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